Aquarelle. Hans-Jürgen Gaudeck. Bernd Schiller. Zum Buch.
Beim Zahn des Buddhas

Sie tragen Tempelblumen bei sich, weiße und gelbe Frangipaniblüten. Und sie nähern sich dem Dalada Maligawa, dem Tempel des Zahns, voller Demut und Andacht. Trommeln rufen zur ersten Zeremonie des Tages. Bevor die Pilger ihre Schirme zusammenklappen, bevor sie das Allerheiligste betreten, um ihre Blumen, ihre Obstschalen und ihre Rupienscheine den Mönchen und Tempelwächtern zum Zeichen ihrer Ehrerbietung zu übergeben, werfen sie einen Blick in den Wassergraben, der die Pagode vom weltlichen Teil trennt. Dort unten leben, vermutlich schon seit sehr langer Zeit, große Schildkröten eine Art buddhistischer Gelassenheit vor.
Später, im Tempel, werden die Gläubigen geduldig warten, bis sie einen Blick auf die Schatulle werfen dürfen, die den linken oberen Eckzahn Buddhas birgt: auf einem goldenen Lotusblatt, umhüllt von sieben übereinander gestülpten, ebenfalls goldenen Miniatur-Dagobas.
Einmal im Jahr, immer zu Neumond im Esala-Monat (das entspricht in etwa dem August), wird eine Kopie des heiligen Zahns durch die Straßen von Kandy getragen, neun Nächte lang, auf dem Rücken des stärksten und schönsten und mit Lichterketten geschmückten Elefantenbullen. Im Randoli, der illuminierten Sänfte auf seinem Rücken, sitzt der Hohepriester und lässt sich

zwischen den Tempeln und einer Tamarinden-Allee durch die Stadt schaukeln. Eine Million Menschen, in manchen Jahren sind es sogar zwei Millionen, die sich einige Tage und Nächte der Illusion hingeben, diese prachtvollen Prozessionen könnten der Insel den Glanz versunkener Reiche und Epochen zurückbringen.

 

Bernd Schiller